Höhepunkte Yucatans - ein Tagebuch

 

Reisebericht von Dr. Peter Hünseler

 

Tulum (Tag 1)

Mit etwas Verspätung treffe ich meine Reisegruppe, bestehend aus nur neun Mitreisenden und dem Reiseleiter Enrique Rantzau auf dem großen Parkplatz der archäologischen Stätte von Tulum. Meine Aufgabe ist es, diese Reise für Leguan-Reisen fotografisch zu dokumentieren. Nach einer kurzen Begrüßung geht es auf Traktor gezogenem Wagen zum Eingang der Ruinenstätte. Enrique wählt einen Seiteneingang, von Norden schreiten wir durch einen schmalen Durchgang des die Stätte umgebenen antiken Schutzwalles aus Bruchsteinen – und erblicken dahinter die Akropolis von Tulum. Nicht die Größe der Bauten, sondern die Lage direkt am karibischen Meer sind der herausragende Eindruck dieser Anlage. Für mich die erste Maya-Stätte überhaupt.

Unsere Besichtigung von Tulum dauert heute nicht zu lange, die Hitze an diesem wolkenlosen Tag, aber auch die große Besucherzahl trüben ein wenig das Erlebnis. Im Bus zurückgekehrt freuen wir uns über die Kühle der Klimaanlage und machen es uns bequem. Unser heutiges Tagesziel ist Chetumal an der Grenze zu Belize.

Zunächst verschluckt uns oder besser unseren Bus der Buschwald von Quintana Roo. Der östlichste der drei mexikanischen Bundesstaaten, die sich die Fläche dieser großen Halbinsel teilen. Einsam wird es, der Verkehr nimmt deutlich ab. Kaum Abzweigungen oder Stichstrassen, endlos erstreckt sich auf beiden Seiten der halbhohe dichte Trockenwald. Enrique nutzt die Ruhe und Monotonie der Fahrt, um uns eine erste Einführung in die Kultur und Geschichte der Mayas und die heutigen Verhältnisse seiner Heimat Mexiko zu geben.  Mitten in seinen Ausführungen dann sein Vorschlag für das heutige Mittagessen. Er empfiehlt uns: Rindsroulade und Käsekuchen. Worauf sich einige der Mitreisenden doch etwas irritiert anschauen. Rindsroulade – mitten im Buschwald von Quintana Roo. Auch ich spüre da Vorbehalte.

Nun, es klärt sich auf. Bekannte von Enrique, ein deutsches Auswandererpaar aus München, gar nicht mehr ganz jung, betreibt an einer Kreuzung nahe der Lagunen von Bacalar ein Restaurant. Immer mal wieder auf der Speisekarte: Gerichte aus der alten Heimat. Quasi als Nachtisch gibt es heute die Lagunen von Bacalar, auch als "Lagunen der Sieben Farben" bekannt. Ein lang gestrecktes Seengebiet, mit kristallklarem Wasser, das die tollsten Farbtöne annehmen kann. Leider hat sich der Himmel etwas eingetrübt, was die Farbpalette des Wassers heute etwas eingrenzt.

Die letzte Tagesetappe führt uns heute nach Chetumal, einer Hafenstadt an der Grenze von Belize, wo wir ziemlich müde bei Einbruch der Dunkelheit eintreffen.

 

Kohunlich und Chicaná (Tag 2)

Gut ausgeschlafen und nach einem ausgiebigen Frühstück sind wir recht früh wieder auf der Straße. Heute steht die Durchquerung der Halbinsel Yucatan von Ost nach West auf dem Programm. Unser Tagesziel ist Palenque, schon im Bundesstaat Chiapas gelegen, wo wir am Abend eintreffen wollen. Auf dem Weg dorthin werden wir uns zwei weitere Mayastätten ansehen: zunächst Kohunlich, berühmt für seine großformatigen Stuckmasken und dann Chicaná, eine der zahlreichen archäologischen Stätten der so genannten Rio Bec Region.

Eine Stichstraße führt uns zu den Ruinen von Kohunlich. Häufig wachsen hier recht eindrucksvolle Palmen mit mächtigen Fruchtständen. Enrique stellt uns diese Palmen als Kohun Palme vor, die wohl namensgebend für diese Anlage waren und deren Früchte ein wichtiges Handelsgut der hier siedelnden Mayas gewesen sein sollen. Die Fruchtstände werden von zahlreichen etwa pflaumengroßen Früchten gebildet, die ein wenig in Form und Aufbau an eine klein geratene Kokosnuss erinnern. Nur mit viel Mühe gelingt es uns, die harte Schale aufzubrechen und an den etwa eichelgroßen, öligen Kern zu gelangen. Aus diesem wussten die Mayas ein hochwertiges Öl zu gewinnen, welches als Nahrung, aber auch zu kosmetischen Zwecken genutzt wurde.  Die Anlage von Kohunlich ist wunderschön – ruhig und mit vielen Schatten spendenden Bäumen bestanden. Wir sehen unseren ersten Ballspielplatz und den herrlichen Tempel der Masken. Dessen Treppenaufgang wird von mehreren großflächigen Stuckmasken geziert, die sich in einem hervorragenden Zustand befinden und noch mit der originalen roten Farbe bedeckt sind. 

Knapp einhundert Kilometer weiter steht dann die Anlage von Chicaná auf unserem Programm. Chicaná ist eine der zahlreichen Anlagen der Rio Bec Region. Auch diese Anlage ist durch kleine Pfade schön erschlossen und nur wenige weitere Besucher streifen während unseres Besuches durch die Ruinen. In Erinnerung bleibt hier das „Haus der Priester“, ein mittelgroßes, nicht sehr hohes, gestrecktes Gebäude, bei dem einer der Eingänge durch zahlreiche aufwendige Steinsetzarbeiten der Form eines aufgerissenen Schlangenmaules nachempfunden ist und einen wirklich dramatischen Eindruck vermittelt.

 

Die Weiterfahrt führt uns durch das Biosphärenreservat von Calakmul. Waldbedeckte Hügellandschaften ziehen sich bis zu den fernen Horizonten. Wir passieren die Stichstraße zur archäologischen Stätte von Calakmul, namen gebend für das Schutzgebiet. Etwa 70 Kilometer südlich liegen im dichten Dschungel unweit der Grenze zu Guatemala die Überreste der – neben Tikal – zweiten Supermacht der klassischen Mayazeit. Die Reste von (bisher erfassten) 6000 Gebäuden sind größtenteils noch im dichten Urwald verborgen. Hier findet sich auch die mit 52 Metern höchste Pyramide einer Mayastadt.

Nach Verlassen des Biosphärenreservates ändert sich das Landschaftsbild allmählich. Die Hügel treten zurück, anstelle des dichten Buschwaldes dominieren bald weitläufige Weideflächen. Der Ort Escarcega ist ein regionaler Schwerpunkt der Rinderzucht und der Fleischverarbeitung – und in dieser Kleinstadt hat  Enrique das heutige Rasthaus ausgewählt. Gutbürgerlich würde man in Deutschland wohl zu dem Restaurant sagen, gutbürgerlich mexikanisch also halt hier, und abseits der Knotenpunkte der Touristenbusse. Immer wieder werden wir auf unserer Fahrt auf die gewaltigen Busse der großen Veranstalter stoßen. Bis zu fünfzig Reisende nehmen diese Ungetüme auf, die bei jedem Stopp dann quälend langsam herausströmen und Restaurants und archäologische Stätten gleichermaßen überfluten. Wie herrlich lebt es sich dagegen in unserer Kleingruppe, die jetzt geschwind und hungrig ins Restaurant eilt. Enrique hatte Fleisch angekündigt. Die heutige Empfehlung: gegrilltes Rinderfilet auf einer heißen Eisenplatte. Die Fleischliebhaber stimmen überein, nur selten einmal so gutes Filet gegessen zu haben.

Nach der Speisung führt die Fahrt weiter durch die tischebenen „Llanos de Tabasco und Campeche“. Erst spät am Nachmittag, kurz vor Palenque und schon im Bundesland Chiapas wird die Landschaft wieder hügliger. Als unser Bus auf den Hof unserer heutigen Unterkunft rollt, erscheinen in der dunstigen Dämmerung geheimnisvoll und schemenhaft die Berge von Chiapas.

 

Palenque und Aguas Azul (Tag 3)                 

Aufgeregt schon beim Frühstück, steht doch für heute einer der Höhepunkte der Reise auf dem Programm; der Besuch der Mayametropole Palenque.

Weit im Westen des Siedlungsgebietes der Mayas gelegen, besticht diese Ruinenstätte durch ihre einzigartige natürliche Lage. Direkt am Fuße der ersten Höhenzüge des dicht bewaldeten Berglandes von Chiapas gelegen, bietet Palenque Besuchern einen zauberhaften Anblick. Dicht und doch nicht gedrängt liegen hier einige der schönsten und besterhaltensten Mayagebäude vor der einzigartigen Kulisse der regenwaldbedeckten Berge. Schon der erste Blick auf die Anlage vom Platz vor dem Tempel der Inschriften nimmt mich gefangen. Ich erklimme einige Stufen des Palastes, um einen besseren Überblick zu gewinnen. Unwirklich schön erscheinen von hier oben die Gebäude, vor allem kommt aber von hier die Anlage als Ganzes noch viel stärker zur Wirkung. Und der Bergwald dahinter, unmittelbar hinter dem Palast der Inschriften steil ansteigend. Dunst liegt zu dieser frühen Stunde über Wald und Bergen, hüllt alles in einen diffusen und geheimnisvollen Schleier. Das Krächzen von Tukanen und Papageien und die Laute der Brüllaffen vervollständigen eine geheimnisvolle Urwaldstimmung.

Wir durchstreifen den Palast mit seinen Höfen, in dem wir einen Eindruck vom Leben des Mayaadels gewinnen. Das Erklimmen der Stufen des "Tempels des Kreuzes", auch unmittelbar am Hang des Bergwaldes gelegen, macht mich kurzatmig, belohnt aber mit einem schönen Überblick über die Anlage. Viel zu schnell verrinnt die Zeit. Lediglich die jetzt zahlreicher werdenden Touristenscharen erleichtern uns den Abschied. Auf dem Rückweg passieren wir den "Tempel des Grafen", benannt nach der schillernden Person des Franzosen Frederick Waldeck, einem der frühen Pioniere der Erforschung von Mayastätten. Für längere Zeit hatte der Graf seinerzeit diesen Tempel als Unterkunft genutzt und ihm damit zu seinem Namen verholfen. Enrique führt uns bergab über einen Dschungelpfad zum Museum von Palenque und für einige Minuten tauchen wir ein in die Welt der Urwaldriesen und Lianen. Aber auch hier im Halbschatten des scheinbar unberührten Regenwaldes stoßen wir immer wieder auf Spuren von Mayabauten. Ein Hinweisschild zeigt uns auf, wie klein der heute freigelegte Teil von Palenque ist, im Verhältnis zu dem Teil, der nach wie vor von der Vegetation verborgen wird. Nach einem kurzen Mittagsmahl steht für diesen Tag eine weitere Attraktion auf dem Programm, der Besuch der „Blauen Wasser“, der berühmten Wasserfälle von Aguas Azul. Etwa fünfzig Kilometer fahren wir hierzu auf windungsreichen Straßen in das Bergland von Chiapas hinein. Ich hatte mich auf diese Fahrt sehr gefreut, hoffte ich doch auf mehr Bergwald und grüne Hügellandschaften. Hier musste ich nun die für mich größte Enttäuschung dieser Tour erleben, ging die Fahrt doch über weite Strecken durch gerodetes und bewirtschaftetes Land. Erst in den letzten zehn Jahren seien die Wälder dieser Region fast vollständig abgeholzt worden, klärt mich Enrique auf, und die illegalen Rodungen hätten auch vor ausgewiesenen Naturschutzgebieten nicht halt gemacht. Die schwierige politische Lage mit den Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den zapatistischen Rebellen ist wohl letztendlich für diese Entwicklung verantwortlich. Erst weiter nach Süden, Richtung Guatemala, gebe es noch unberührte Urwaldgebiete, noch heute das Rückzugsgebiet der letzten Waldmayas, der Lacandonen.

In ein tief eingeschnittenes Tal abbiegend erreichen wir schließlich die Wasserfälle von Aguas Azul. Auf einer Stecke von mehreren Kilometern rauschen hier die grün schimmernden Wasser eines reißenden Gebirgsflusses von einer Kalksteinkaskade zur nächsten, immer wieder tiefe Becken bildend, die sich vorzüglich zum (vorsichtigen) Baden eignen. Ich wandere den Flusslauf hinauf, von Becken zu Becken, von Kaskade zu Kaskade. Unwirklich schön die Farben. Dieses Wunderbild wird durch den umgebenden, hier noch dichten Tropenwald abgerundet. Bis ganz dicht an die weiß schimmernden Kaskadenwasser reicht die tiefgrüne Urwaldvegetation.

                                                                            

Campeche und Kabah (Tag 4) 

Heute geht es wieder Richtung Norden, zurück auf die Halbinsel Yucatan. Bald nach dem Aufbruch überqueren wir wieder den Rio Usumacinta, Mexikos größten Strom. Sehnsüchtig schweift mein Blick den Strom hinauf. Flussaufwärts, am Rande des Lacandonen Waldes, liegt dort die großartige Mayastätte von Yaxchilan, schwer zugänglich in einer Flussschleife, und nur mit dem Boot erreichbar. Und nicht weit entfernt die Stätte Bonampak, wo in den 40 er Jahren die eindrucksvollsten und besterhaltensten Wandmalereien gefunden worden sind. Unter Mithilfe der Lacandonen, denen diese Stätte immer bekannt war. Der deutsche Schriftsteller und Mayaforscher Wolfgang Cordan hat die turbulenten und auch tragischen Ereignisse um die Entdeckung dieser Stätte in seinem Buch „Geheimnis im Urwald“ spannend geschildert und berichtet hier auch von eigenen Fahrten und Entdeckungen im Lacandonen Urwald. Haften geblieben ist mir vor allem auch die anschauliche Schilderung der damaligen Verhältnisse und der Strapazen, die seine Entdeckungsfahrten mit sich brachten. Heute sind Touren nach Yaxchilan und Bonampak und auch in den Wald der Lacandonen zwar noch kein Standardtouristenprogramm, aber durchaus im Angebot von Spezialveranstaltern und auch für normale Reisende erlebbar (und stehen auf meiner persönlichen Wunschliste für einen nächsten Mexikoaufenthalt ganz weit oben).

Zukunftsfantasien, heute fahren wir erst einmal ganz entspannt und bequem Richtung Golf von Mexiko. Im kleinen Strandort Champoton nehmen wir das Mittagsmahl ein und erreichen am Nachmittag die schöne und gleichnamige Hauptstadt der Provinz Campeche. Die schöne, gepflegte Altstadt zeigt mir eine ganz andere und sehr sehenswerte Seite von Mexiko. Leider bleibt nicht viel Zeit für Erkundungen, denn für heute steht noch der Besuch der archäologischen Stätte von Kabah auf dem Programm, bevor wir unser Tagesziel Uxmal erreichen wollen. Kabah wie auch Uxmal und eine ganze Reihe weiterer bedeutender Mayasiedlungen liegen in der sogenannten Puuc Region, nach der auch der typische regionale Baustil der Maya genannt ist.

Einen ersten Eindruck vom beeindruckenden Architekturstil dieser Region bekommen wir in Kabah, wo wir am späten Nachmittag eintreffen und - Dank des Verhandlungsgeschicks von Enrique - die eigentlich schon geschlossene Anlage ganz für uns alleine, in wunderschönstes Abendlicht getaucht, erleben dürfen. Golden erstrahlt bei unserem Besuch der so genannte Palast der Masken, dessen Fassade vollkommen von zahlreichen steinernen Darstellungen des Regengottes Chac ausgefüllt wird und Zeugnis ablegt für die zentrale Bedeutung, die dieser Gott für die Menschen dieser trockenen Region hatte. 

Im goldenen Abendlicht Kabahs, wie auch an den nächsten Tagen in Uxmal und Chichen Itza, wird mir einmal mehr klar, wie wichtig die richtige Zeitwahl eines Besuches (und damit auch die Wahl der Unterkunft) für das Erleben der archäologischen Stätten ist. In Kabah ist die Abendstunde für einen Besuch fantastisch geeignet, aber für Uxmal am nächsten Tag ist die Morgenstunde ideal. Hervorragend daher auch die Wahl unserer heutigen Unterkunft, die nur eine kurze Fußstrecke vom Eingang der Ruinen von Uxmal entfernt liegt.

Unsere Unterkunft, die Villas Arqueologicas, begeistert mich auch abgesehen von ihrer Lage. Um einen dicht bewachsenen Innenhof mit schönem Pool und Restaurant gebaut, wirkt das an sich gar nicht kleine Gebäude leicht und weitläufig. Der Hof gibt gleichzeitig Schutz und lässt doch die Blicke und Gedanken schweifen. So strecke ich mich einfach nach einem erfrischenden Bad auf einer der Liegen am Pool aus. Verpasse die Lichtshow in den Ruinen, zu der meine Mitreisenden noch eilen. Beobachte statt dessen den tropischen Sternenhimmel und den aufziehenden Mond, lausche dem Abendwind, der durch die Bäume streicht, und versinke, ein wenig beschwingt nach dem Genuss von einem Glas Wein, in meinen Eindrücken und Gedanken.....

 

Uxmal und die Lagune von Celestun (Tag 5)

Der frühe Morgen sieht uns im Schatten der "Pyramide des Wahrsagers". Steil, mit ungewöhnlichem ovalen Grundriss, ein wirklich beeindruckendes Bauwerk. Dann das "Viereck der Nonnen", dessen um einen Innenhof liegende Gebäude von wunderschönen Wandfriesen im Puuc Stil eingenommen werden. Einen schönen kleinen Ballspielplatz passierend stehen wir dann vor einer gewaltigen Plattform. Auf dieser erhöhten Terrasse liegt der so genannte "Palast des Gouverneurs". Ein Gebäude, das sowohl durch seine Ausmaße (es hat eine gewaltige Länge von 100 Metern) aber vor allem auch durch seine Proportionen und die Schönheit seiner verzierenden Ornamente begeistert. Von der daneben liegenden Großen Pyramide habe ich einen wunderschönen Blick über die Anlage von Uxmal. Und auf die Umgebung der Bauwerke, die vollkommen von einem dichtem Buschwald bedeckt ist, der sich bis zum Horizont erstreckt. Hier und da künden aus dem halb hohen Wald aufragende Steinhaufen und Ruinen davon, dass auch in Uxmal ein großer Teil dieser einstmals ausgedehnten Stadt noch unter der Vegetation verborgen liegt.

Áuf unserer Weiterfahrt Richtung Meer machen wir heute Halt in einem kleinen Dorf und besuchen zwei indianische Familien, die mit der Herstellung von Stickereien und Hänge-matten bzw. Töpfereien ein Auskommen finden. Insbesondere die Töpfereien sind von sehr guter Qualität, die Muster der Bemalung orientieren sich an klassischen Mayamotiven. Jedenfalls scheint diese Familie den Aufschwung des Tourismus in Yucatan recht gut für die Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Situation genutzt zu haben.

 

Wir speisen in einem Restaurant im Küstenort von Celestun, wo Freunde von Fisch und Meeresfrüchten voll auf ihre Kosten kommen.  

Nach einem hervorragenden Mahl sind alle beruhigt zu erfahren, dass unsere nächste Aktivität zumindest körperlich nicht anstrengend sein wird. Mit überdachten Booten geht es in die Lagune von Celestun. Hier können wir zunächst beobachten, wie mühevoll der Fang mancher der im Restaurant angebotenen Krustentiere ist. Im seichten Wasser watend, schieben hier Fischer nur mit ihrer Körperkraft Boote und aufgespannte Krabbennetze vor sich her – eine wirklich harte Arbeit.  

Aufregung kommt auf, als sich in der Ferne Hunderte von rosa Punkten auf der Wasserfläche zeigen. Andere Fischer, Flamingos, die ruhig im flachen Wasser der Lagune stehend in den grüngelben Fluten nach Nahrung suchen.

Auch Kormorane und Ibisse bevölkern die Bäume am Rande des Gewässers, das sich kilometerweit zwischen den dicht mit Mangrovenwald bewachsenem Ufern erstreckt. Langsam nähern wir uns einem im seichten Uferwasser stehenden Flamingoschwarm und beobachten die großen rosa Vögel mit ihren so seltsam geformten und doch so praktischen Schnäbeln. Später, weit draußen inmitten der Lagune, fliegt ein anderer Flamingoschwarm ganz nah an unserem Boot vorbei – die schmalen und lang gestreckten Körper der großen Vögel bieten einen tollen Anblick.

An Land zurück erreichen wir nach einer Stunde Fahrt das heutige Tagesziel, die Großstadt Merida. Wenig vorbereitet bin ich auf den Anblick einer Millionenstadt, aber der schöne und saubere historische Kern dieser Metropole Yucatans machen den Besuch hier zu einem schönen Kontrast zu den eher ruhigen Abenden der letzten Tage. Nach dem Abendessen auf einem der schönen Plätze der Innenstadt sitzend, beobachten wir das lebendige Treiben einer südländischen Stadt.

 

Merida und Izamal (Tag 6)

Der Morgen sieht unsere Gruppe in den Straßen von Merida. Wir besuchen die neuen Markthallen und erledigen einige Einkäufe. Der Eindruck des Vortages bestätigt sich: Merida ist wirklich eine gepflegte und ansprechende Stadt. Im Zentrum der Stadt liegen um die schöne „Plaza de la Independencia“ die beeindruckende Kathedrale und die schönen historischen Gebäude von Rathaus und Gouverneurspalast.  Die Umgebung von Merida ist dichter besiedelt als die bisher bereisten Regionen Yucatans. In dieser Region gab es auch in der spanischen Kolonialzeit eine lange Tradition intensiver Landwirtschaft und eines unserer heutigen Ziele ist ein Verarbeitungsbetrieb für Sisal Agaven, einstmals auch als das „Grüne Gold“ Yucatans bezeichnet. Leider ruht hier an diesem Samstag schon die Arbeit, die großen Maschinen, die die Fasern aus den getrockneten Agavenblättern gewinnen sind aber trotzdem eindrucksvoll anzuschauen. Heute kaum mehr nachzuvollziehen ist die Bedeutung, die dieses Naturprodukt einstmals als Rohmaterial für Taue, Seile und Matten hatte. In Yucatan zeugen die prächtigen Bauten vieler Haciendas noch heute von den Reichtümern, die einstmals mit Sisal erwirtschaftet wurden. Einige der schönsten dieser Haciendas wurden inzwischen umgebaut zu stilvollen Touristenunterkünften und sind heute eine weitere touristische Attraktion Nordyucatans. Auch wir freuen uns daher alle schon sehr auf unser heutiges Tagesziel, die Hacienda Chichen.

 

Aber erst mal geht es auf einen Friedhof. Enrique hat den Bus halten lassen und führt uns über einen Dorffriedhof. Dicht gedrängt stehen hier aufwendig gestaltete, hoch gemauerte und farbenfroh bemalte Gräber, und zeigen uns, wie hierzulande die Ruhestätten der Verstorbenen gestaltet sind. Ein wenig wie ein dicht gedrängtes Dorf im Kleinen.

Unser nächstes Ziel ist das berühmte Konvent von Izamal, eine riesige Kirchenanlage, die der Franziskaner Diego de Landa im 16ten Jahrhundert auf den Gemäuern eines Mayatempels errichten ließ. De Landa erlangte traurige Berühmtheit durch die von ihm angeordnete Verbrennung fast aller (auf Rindenpapier aufgezeichneten) Maya Schriften, womit die faszinierende Geschichte der Maya Völker fast vollständig verloren ging. Sein asketisches und ernst blickendes Antlitz zeigt ein Denkmal unterhalb des Konvents. Die architektonische Wirkung des Klosters geht vor allem von der riesigen Säulengalerie aus. Ein riesiger Hof wird von 75 Rundbögen umschlossen – ziemlich verloren darin eine einsame Statue des Papstes Johannes Paul II, der auf einer seiner zahlreichen Reisen auch diesen Ort besucht hatte. Säulengang, Kirche und selbst die umgebende Stadt sind alle in kräftiger gelber Farbe gestrichen, was Kloster und dem Ort mit seinen gut erhaltenen Kolonialbauten eine schöne Wirkung verleiht.

Trotzdem haben wir es heute eilig, unser Tagesziel zu erreichen. Zu sehr hatte uns Enrique von unserer heutigen Unterkunft vorgeschwärmt, der Hacienda Chichen. Nahe bei der archäologischen Stätte gelegen, erweist sich dieses Hotel als wirkliches Kleinod. Das Hauptgebäude bildet das alte Herrenhaus, mit schöner Terrasse und stilvoll möblierten Räumen, die jetzt als Restaurant genutzt werden. Im Garten, zwischen gepflegten Rasenflächen und exotischen Gewächsen und überragt von vielen majestätischen Königspalmen, liegen verstreut die Bungalows. Und der gepflegte Pool. Ich freue mich, in solch schöner Umgebung die Reiseeindrücke ein wenig verarbeiten zu können, Notizen machen zu können und ein paar Bahnen im Pool zu schwimmen. Später erkunde ich noch ein wenig das weitläufige Gelände der Hacienda. Entdecke exotische Pflanzen - wie einige große, gerade blühenden, Palmfarne - und im hinteren Teil des Geländes eine Kapelle, die mich mit ihrem gemauerten Glockenturm ein wenig an alte Hollywood Westernfilme erinnert. Wie sehr doch unser Bild der Welt von medialen Eindrücken geprägt ist.      

 

Chichen Itza (Tag 7)

Auch heute freue ich mich wieder über die glückliche Wahl der Unterkünfte auf dieser Rundreise. Natürlich, so ein Hotel wie die Hacienda Chichen würde überall begeistern. Aber als wir heute morgen, nach nur fünfminütigem Fußmarsch an der Kasse der archäologischen Stätte von Chichen Itza stehen, sind wir mit die ersten Besucher. Nicht mal die Händler, die auf dem Gelände der archäologischen Stätte ihre Waren feilbieten, haben ihre Plätze bezogen. Und noch ist es kühl zwischen den Mauerwerken. Enrique präsentiert uns zunächst die älteren Gebäude Chichen Itzas, die teilweise noch im Puuc Stil erbaut worden sind, wie z.B. das kleine, mit Masken des Regengottes Chac geschmückte „Iglesia“ - Gebäude. Unser Rundgang führt uns dann zum „Caracol“, einem ungewöhnlichen Rundbau, der einstmals wohl als Observatorium gedient hat. Weiter gen Norden liegen die größeren, aus späterer Zeit stammenden Bauten Chichen Itzas, wie der durch seine riesigen Ausmaße beeindruckende Ballspielplatz, die isoliert stehende Pyramide von Kululkán (auch als „El Castillo“ bezeichnet) und der "Tempel der Krieger". Diese Bauwerke weisen eine deutlich abweichende Symbolik und Gestaltung auf und künden damit von den veränderten Herrschaftsverhältnissen der Postklassischen Periode, als vermutlich Zuwanderer aus Zentralmexiko ihren Baustil nach Yucatan mitbrachten. Wir schreiten staunend zwischen den senkrechten Wänden des Ballspielplatzes. Spätestens vor der als Schädelmauer bezeichneten Plattform, die ringsherum von naturalistischen Schädelreliefs verziert wird,  stehen uns auch die blutigen Rituale dieser Zeit deutlich vor Augen. Natürlich wird dann auch noch die Besteigung der Pyramide vollzogen. Die Strapaze, jetzt schon im gleißenden Sonnenlicht, lohnt sich: von hier oben gibt es einen tollen Blick auf den Tempel der Krieger und die Halle der tausend Säulen – beides ebenfalls herausragende Monumente der postklassischen Architektur, und beide zur Zeit für Besucher nicht zugänglich.

Mit Chichen Itza liegt ein letzter Höhepunkt dieser an Eindrücken so reichen Reise hinter uns, einer Reise, die sich jetzt langsam ihrem Ende nähert. Wir besuchen noch den Cenote, eine der zahlreichen Einbruchstellen im trockenen Karstbodens Nordyucatans, in deren höhlenartigen Inneren das Wasser eines klaren Teiches von dem durch ein Deckenloch einströmenden türkisfarbenen Licht magisch erleuchtet wird. Und wir speisen als Gruppe ein letztes Mal zusammen in einem Gasthaus im schönen Städtchen Valladolid. Dann geht es zurück nach Tulum, an die Riviera Maya, womit sich der Kreis unserer Rundreise endgültig geschlossen hat.

Auf der Fahrt entlang der Küste Richtung Norden setzen wir nacheinander die Mitreisenden in verschiedenen Strandhotels ab. Alle werden sich jetzt noch mehr oder weniger lang Zeit nehmen, hier ihre Reiseeindrücke zu verdauen. Ein wenig beneide ich sie ob dieser Ruhe. Denn für mich wird es direkt weitergehen, stehen weitere Mayastätten auf dem Programm. Noch heute Abend werde ich von Cancun nach Guatemala fliegen, wo ich zunächst im Hochland die lebendige Indianerkultur um den See Atitlan und dann so fantastische Stätten wie Copan (schon in Honduras gelegen) und Querigua mit seinen gewaltigen Stelen besuchen möchte. Und im Tiefland des Peten dann: Tikal.

Mir ist ein wenig wehmütig, als der Bus sich leert und die so angenehmen Mitreisenden der letzten Tage nach und nach entschwinden. Schließlich bin ich alleine übrig und verabschiede mich von Enrique - auf dem menschenvollen Flughafen von Cancun. Hier herrscht wie immer am Sonntagnachmittag Hochbetrieb. Mir bleibt nur, Danke zu sagen, für eine wirklich gut geplante Tour und seinen tollen Job als Reiseführer, und für sieben schöne und ereignisvolle Tage in Yucatan.

 

Nachtrag:  Tikal

Eine Woche später lande ich erneut auf dem Flughafen Cancun. Aus Flores kommend, der Hauptstadt des Peten, im Tiefland von Guatemala und Sprungbrett zum nahe gelegenen Tikal. Mein Traum hat sich erfüllt: Bei Sonnenaufgang auf einer der Pyramiden von Tikal zu sitzen, hoch über den Wipfeln des hier noch endlos erscheinenden tropischen Urwaldes. Am Ende einer ereignisreichen Reisewoche in Guatemala und Honduras war ich hier schließlich angekommen. Bequemer haben es Touristen, die Tikal „als Paket buchen“ und mit einem Kurzflug von Cancun kommend dann zumeist für zwei Nächte in einer der luxuriösen Unterkünfte in der Umgebung von Flores absteigen. Womit dann aber auch das wunderbare Erlebnis Tikal eigentlich zum Tagesausflug wird und lediglich wenige Stunden Zeit für Besichtigungen bleiben. Gott sei Dank hatte ich mich vorab informiert und eine alternative Unterkunft erwählt. Mitten im Schutzgebiet gelegen, im scheinbar unberührten Urwald, der auf allen Seiten die Ruinen von Tikal kilometerweit umgibt. Dieser Wald steht in völligem Kontrast zu den Rodungsflächen im Tiefland des Peten, durch die ich bei meiner Anreise von Süden kommend stundenlang gefahren war. Endlich, uns Tikal nähernd, nahm uns plötzlich dichter Tropenwald auf, es wurde merklich kühler und es gab viele warnende Hinweisschilder auf die besonders in der Dämmerung hier häufig wechselnden Wildtiere. Meine Unterkunft in Tikal erweist sich als durchaus komfortabel, kein übertriebener Luxus, aber gemütlich, und die Bungalows der kleinen Anlage liegen unauffällig im Wald verstreut. Und liegen vor allem nur eine Viertelstunde Fußmarsch vom Großen Platz von Tikal entfernt. Die Metropole der Mayawelt - zum Greifen nah.

Den Nachmittag habe ich für erste Erkundungen genutzt, verschiedene Pyramiden bestiegen, mir einen Überblick verschafft. Schon der erste Eindruck ist überwältigend: Die Ausdehnung der Anlage, die Vielzahl der Gebäude und die Höhe und der gute Erhaltungszustand der steil aufragenden Pyramiden. Vor allem aber die Lage im scheinbar sich unendlich ausdehnenden Tropenwald. Dessen Urwaldriesen nur von den Spitzen der Pyramiden überragt werden. Hier oben sitzend, Tukane und Blaustirnamazonen beobachtend, komme ich ins Grübeln. Wie eine solch gewaltige Metropole einfach aufgegeben werden kann, so schnell und vollständig vom sich erneut ausbreitenden Urwald wieder überwuchert und vergessen wird. Von einem Urwald, dessen Fortbestand heute weltweit bedroht ist, der vielerorts gerodet wird und dessen Flächen, wie gerade erst gesehen, auch nicht unweit von Tikal beständig schrumpfen. Und der dennoch von hier oben so grenzenlos erscheint.

Kein Regenwald, wie immer zu lesen, sondern ein wechselfeuchter Wald umgibt die Ruinen von Tikal. Jetzt, am Ende der Trockenzeit, sind hier nicht wenige der höchsten Urwaldriesen unbelaubt und geben damit den Blick frei auf ihren üppigen Belag aufsitzender Pflanzen, der die dickeren Äste wie ein Polster überzieht. Zugegeben, manche der Urwaldriesen im feuchteren Wald von Palenque erreichen höhere und gewaltigere Ausmaße, aber nirgends in der Welt der Mayas ist der Gesamteindruck von versunkener Kultur und Natur beeindruckender.

Am frühen Morgen bei Sonnenaufgang bin ich nicht alleine auf der Spitze von Tempel IV. Eine kleine Schar Gleichgesinnter hat sich unabhängig voneinander und mit Taschenlampen auf dem Weg durch den noch dunklen Urwald gemacht und sitzt jetzt hier oben, still Richtung Osten blickend, über die Gipfel der Urwaldriesen zu den Spitzen der Pyramiden I, II, III und V. Dunstig ist es, heute morgen wird die Sonne nicht aus den Waldgipfeln aufsteigen, sondern sich erst später, schon höher stehend, durch die Dunstschichten brennen. Aber niemand ist enttäuscht, alle schauen andächtig auf die Symbiose aus Architektur und Natur. Für mich wird in diesen Minuten ein persönlicher Traum war, geweckt von einem guten Bekannten, der mir einmal genau dieses Bild vom Tropenwald geschildert hatte: über den Baumkronen, ganz ruhig auf den Spitzen der Pyramiden von Tikal sitzend, einfach nur schauend.