„GALAPAGOS – LOGBUCH“

     Reisenotizen und Fotoimpressionen einer Galapagos Naturkreuzfahrt

     an Bord der Yacht INTEGRITY

 

von Dr. Peter Hünseler

  

Tag 1: Santa Cruz: Im Hochland
Rascheln im Unterholz und das Knacken von trockenen Zweigen – mit überraschender Geschwindigkeit schiebt sich eine große Schildkröte durch das Gebüsch. Mühelos überwindet das Tier Unebenheiten des steinigen Bodens, die kräftigen Beine halten den kuppelförmigen Panzer in einem beträchtlichen Abstand vom Boden. Erst als wir nahe herantreten, senkt das Tier den Panzer ab und Beine und Kopf ziehen sich in die schützende Schale zurück. Im Kreis stehen wir um das nun bewegungslos verharrende Reptil und betrachten unsere erste wild lebende Galapagos Riesen- schildkröte. Wir - das ist eine 11 köpfige Reisegruppe, die morgen zu einer einwöchigen Naturkreuzfahrt durch den Galapagos Archipel aufbrechen wird. Von Quito kommend sind wir heute früh auf Galapagos eingetroffen und unsere erste Exkursion gilt den großen Landschildkröten der Insel Santa Cruz.

Nach unserer Schildkröten-Beobachtung fahren wir ins Hochland von Santa Cruz - in den hier gedeihenden Scalesien Wald. Die merkwürdig geformten Bäume aus der Verwandtschaft der Sonnenblumen sind dicht mit Flechten bewachsen und bilden einen Nebelwald, den wir auf schmalen Pfaden durchwandern. Endemisch, d.h. nur hier vorkommend, sind diese Pflanzen und auch die uns umschwirrenden, zutraulichen Darwin Finken. Wie viele der Tier- und Pflanzenarten der Galapagos Inseln sind die Scalesien und Darwin Finken Arten nur auf dieser isolierten Inselgruppe entstanden und vermitteln eine lebendigen Eindruck vom Wirken der Evolution.

 

Tag 2:  Santa Cruz: Darwin Station – Puerto Ayora – Einschiffung auf der Integrity
Früh am Morgen verlassen wir unser komfortables Nachtquartier im Hochland von Santa Cruz. Unsere erste Aktivität ist heute ein Ausflug in die Unterwelt. Noch auf dem weitläufigen Gelände des Hotels steigen wir durch eine enge Öffnung in einen Lavatunnel hinab. Wohl an die 10 Meter Durchmesser hat der schlauchförmige Hohlraum, der sich in zwei Richtungen im Dunkel verliert. Unser Führer hat eine spärliche Beleuchtung eingeschaltet und wir können die Erkundung beginnen. Mehrere hundert Meter wandern wir durch die überdimensionale und an einen U-Bahntunnel erinnernde Röhre im Erdreich. Entstanden ist die Höhlung, nachdem sich bei einem Vulkanausbruch ausströmende Lava an der Oberfläche abgekühlt und eine feste Schicht geformt hat. Unter der Oberfläche strömte das flüssige Gestein weiter – in Röhren, die als Hohlräume erhalten blieben, nachdem schließlich der Nachschub an Magma versiegte.

Lavatunnel mit unterschiedlichen Durchmessern finden sich überall auf den Galapagosinseln, teilweise Kilometer weit reichend, oftmals eingebrochen. Am Ende unserer Wanderung im Inneren der Lava erreichen wir eine weitere Einbruchstelle, durch die wir in die Oberwelt zurückkehren können.

Mit dem Bus geht es anschließend nach Puerto Ayora, dem Hauptort der Insel Santa Cruz und wichtigsten touristischen Zentrum der Inseln. Vor der Uferpromenade schaukelt eine große Zahl kleinerer und größerer Yachten im türkisfarbenen Wasser. Neben privaten Segelyachten sind es Boote unterschiedlicher Größe, mit denen Touristen wie wir Naturkreuzfahrten in die Gewässer des Galapagos Archipels unternehmen können. Etwa   97 % der Landfläche der Inseln sind in Form eines Nationalparks unter Schutz gestellt – mit strengen Auflagen. So ist beispielsweise im Schutzgebiet nach 18.00h kein Landaufenthalt mehr gestattet. Allein schon aus diesem Grund sind auf Galapagos Naturkreuzfahrten die Reiseform der Wahl. Schließlich bietet ein Schiff (neben dem nötigen Transport) auch eine mehr oder weniger komfortable Unterkunft vor den zumeist ja unbewohnten Inseln.      

 

Bevor wir an Bord unseres Exkursionsschiffes gehen, besuchen wir noch die Charles Darwin Station. Verschiedene Unterarten von Riesenschildkröten werden hier in Gehegen gehalten und gezüchtet. Da gibt es gewaltige Exemplare der uns schon vertrauten Unterart von Santa Cruz - mit einem gleichmäßig gewölbten Panzer. Bei den Schildkröten der Unterart von der Insel Espanola hat sich am Vorderteil des Panzers ein hoher Sattel ausgebildet, der es den Tieren ermöglicht, mit ihrem auf erstaunlich langen Hals sitzenden Kopf hoch ins Gebüsch zu gelangen und hier Nahrung abzuweiden. Natürlich besuchen wir auch das Gehege von „Lonesome George“, dem einzigen überlebenden Vertreter der Unterart von der Insel Pinta. Zur Freude der Besucher dürfen einige der weitläufigen Gehege sogar betreten werden, was einen nahen Kontakt zu den Tieren erlaubt und Fotografen einmalige Fotochancen eröffnet.

Der anschließende Spaziergang entlang der Uferstraße von Puerto Ayora bietet eine letzte Gelegenheit zu Einkäufen, bevor wir auf der Yacht MS Integrity einschiffen und unsere geräumigen Kabinen beziehen. Von unserem Schiff sind wir sofort begeistert: neben 8 komfortablen Kabinen empfängt uns ein großzügiger, geschmackvoll eingerichteter Salon und ein wunderschönes, teilweise überdachtes Sonnendeck mit Bar und Jacuzzi. Große Fensterflächen erhellen die Kabinen und eröffnen freie Sicht auf Meer und Küste. Der Ausstattung entspricht der Service:   während der kommenden Woche werden wir aufmerksam und zuvorkommend von einer 12 köpfigen Besatzung verwöhnt. Und mit Richard Polatty haben wir einen ausgewiesenen Kenner der Galapagos Inseln als Guide, seine langjährige Erfahrung und seine profunden Kenntnisse von Biologie, Geologie und Siedlungsgeschichte der Inseln machen die vor uns liegende Woche zu einer einzigen spannenden Naturerkundung.      

 

Tag 3:  Espanola: Gardner Bay und Punta Suarez
Noch am gestrigen Abend ist die Integrity ausgelaufen und hat Kurs auf die Insel Espanola im Südosten des Archipels genommen. Beim Aufwachen blicken wir auf türkisfarbenes Wasser und einen blendend weißen Strand. Noch ein wenig ungelenk erfolgt das Anlegen der Schwimmwesten, bevor es ein erstes Mal ins Schlauchboot geht. Nach einer kurzen Überfahrt dann erste Schritte am Strand der unbewohnten Insel. Nur von Menschen unbewohnt - ist doch unsere Landungsstelle Gardner Bay dicht bevölkert von Seelöwen, die zumeist regungslos in der Morgensonne dösen. Hier und da erschallen blökende Laute - ein Gerangel um die besten Liegeplätze hat eingesetzt. Unglaublich, wie wenig die Tiere uns beachten. Diese völlig fehlende Scheu der Tiere beeindruckt uns sehr. Natürlich haben wir alle schon hiervon im Reiseführer gelesen....aber das wirkliche Erleben übersteigt unsere Erwartungen bei weitem.

Inzwischen sind zwei, drei weitere Schlauchboote angelandet und der Strand bietet nun ein buntes Gemenge aus farbig gekleideten Touristen und elegant braunschwarz gefärbten Seelöwen. An einem felsigen Strandabschnitt erblicken wir erstmals die berühmten Meeresleguane. Normalerweise gauschwarz gefärbt, zeichnet die Meeresleguane von Espanola eine rötliche Färbung aus, ein weiteres Beispiel für eine allmähliche Herausbildung einer Unterart durch Isolation. 

Am Nachmittag unternehmen wir eine zweite Anlandung im Westen von Espanola und stoßen bei Punta Suarez erstmals auf Tölpel. Eleganten Nasca Tölpeln und den mit schrill leuchtenden Füßen einherscheitenden Blaufußtölpeln begegnen wir in den kommenden Tagen noch häufiger und werden nicht müde, die lieblichen Balztänze der Blaufußtölpel zu beobachten. Höhepunkt unseres Espanola Besuchs ist aber ohne Zweifel der Balztanz einer anderen Vogelart - der wunderschönen Galapagos Albatrosse.  Auf Espanola findet sich der einzige Brutplatz dieser Unterart der eleganten Segler der südlichen Meere. Nach einigen Monaten auf See haben sich die lebenslang verpaarten Vögel Ende April hier ein- und wiedergefunden und die Paare bekräftigen jetzt ihre Partnerschaft mit komplizierten Balztänzen. Wir haben Glück und können das bezaubernde und genau festgelegte Balzritual aus nächster Nähe beobachten.

 

Tag 4:  Floreana: Punta Cormoran – Post Office Bay – Puerto Valesca Ibarra
Am Morgen ein weiterer glänzender Sandstrand. Die Integrity ankert vor der Nordküste von Floreana und wir erkunden Küste und Hinterland von Punta Cormoran. Direkt hinter dem Strand findet sich eine von Mangroven gesäumte Lagune, deren flaches Wasser leuchtend rosa gefärbte Flamingos nach Nahrung durchfiltern. Eine kurze Wanderung führt uns an den nahe gelegenen Shark Beach, wo sich Spuren wie von kleinen Raupenfahrzeugen den Strand hinauf ziehen. Die eindrucksvollen Spuren stammen von Meeresschildkröten, die außerhalb der Gezeitenzone ihre Gelege vergraben haben. In der Brandung stehend beobachten wir Rochen bei der Nahrungssuche im flachen Wasser. Gut, dass uns Richard vorab auf die urtümlichen Fische hingewiesen hat. Es ist schon ein komisches Gefühl, im trüben Wasser an Füßen und Waden immer wieder die Berührungen der Tiere zu spüren.

Zum Schiff zurückgekehrt bringt uns eine kurze Fahrt zur berühmten Post Office Bay. Die Poststelle aus den Zeiten der Walfänger erfüllt immer noch ihre Funktion und in dem als Briefkasten dienenden alten Fass finden wir zahlreiche Postkarten und Briefe vor. Unsere kalifornischen Mitreisenden Lynn und Axel werden sogleich als Postboten rekrutiert. Gleich zwei Briefe an Empfänger mit Adressen in Nachbarschaft ihrer Wohnung in Berkeley warten darauf, mitgenommen werden!

Der Nachmittag vermittelt uns dann einen Eindruck der Siedlungsgeschichte von Galapagos. Die ist für Floreana untrennbar mit dem Namen ihrer berühmtesten Bewohnerin verbunden, der aus Köln stammenden Margaret Wittmer. In den dreißiger Jahren des vorherigen Jahrhunderts wanderte Margaret Wittmer mit ihrem Mann nach Floreana aus, wo Sie den Rest ihres Lebens verbrachte. Ein abenteuerreiches Leben, von dem Sie spannend in einem Buch berichtet hat.

Während unsere Bootsmannschaft die Anlandung im kleinen Hafen Puerto Valesca Ibarra für ein Fußballspiel nutzt, begeben  wir uns auf die Spuren der Auswanderer. In einem der wenigen Motorfahrzeuge fahren wir auf der einzigen Straße der Insel ins Hochland. Die Einsamkeit der Landschaft zieht uns unwillkürlich in ihren Bann. Noch heute leben die wenigen Bewohner Floreanas von der Landwirtschaft, die sie im feuchteren Hochland betreiben. Hier oben, am Rande von üppig grünen Anbauflächen, stoßen wir auf die alte Piraten Höhle, in der die Wittmer´s während der ersten Monate nach ihrer Ankunft lebten und in der Margaret Wittmer ihr erstes Kind geboren hat. Nahebei findet sich auch die in das weiche Gestein modellierte Skulptur eines menschlichen Kopfes, die einst Thor Heyerdahl auf die Insel lockte - auf der Suche nach Zeugnissen alter indianischer Kulturen. Er musste dann vor Ort zu seiner Enttäuschung erfahren, dass der Kopf ziemlich neuzeitlich und erst von Vater und Sohn Wittmer aus dem Stein herausgehauen worden war.

Nahe der Höhle tröpfelt auch spärlich die einzige ständig Wasser führende Quelle der Galapagos Inseln. Ihr kostbares Nass hat immer wieder Piraten, Walfänger und später dann Siedler an diesen Ort gezogen. Voll mit Eindrücken kehren wir am Abend nach Valesca Ibarra zurück und lernen hier noch die Tochter von Margaret Wittmer kennen, die heute ein kleines Hotel betreibt.  

 

Tag 5:  Ferandina (Punta Espinosa) und Isabella (Punta Vicente Roca)
Heute erwache ich früh und begebe mich im Morgengrauen an Deck der Integrity. Unser Schiff hat während der Nacht eine weite Strecke zurückgelegt und kreuzt nun im Westen des Archipels zwischen den Inseln Fernandina und Isabella. Die aufgehende Sonne taucht gewaltige Landschaften in ein strahlendes Licht: Im Westen die schwarzen Lavahänge von Fernandina mit ihrem alles beherrschenden Schildvulkan und im Osten die wie unabhängige Inseln aufsteigenden und golden beleuchteten Vulkane von Isabella. Große Thunfische durchbrechen ab und an die im Morgenlicht glänzende Wasseroberfläche und ein einsamer Seelöwe kreuzt den Kurs der Integrity

Auch unsere Landungsstelle auf Fernandina, Punta Espinosa, ist von vulkanischer Aktivität geprägt. Wir wandern über erkaltete Lava, die zu geometrischen Mustern erstarrt ist. Mittendrin ein tiefer Riss, der sich über Hunderte von Metern durch die Landschaft zieht. Das pechschwarze Gestein ist aufgeplatzt und gibt einen Blick ins Innere frei. Schließlich erreichen wir den Rand der bisher einigermaßen ebenen Gesteins-Fläche und vor uns türmt sich ein endlos erstreckendes Gesteinsgewirr aus zerbrochenen und scharfkantigen Lavablöcken, die ein Weiterschreiten unmöglich macht.

Zurück an der Küste bietet sich ein seltsamer Anblick: Kormorane, die ihre unnatürlich klein wirkende Flügel im Sonnenlicht trocknen. Ziemlich nutzlos scheinen die Flügelstummel für dieser flugunfähigen Kormorane zu sein - eine weitere Vogelart, die sich auf Galapagos entwickelt hat und deren Verbreitungsgebiet sich auf diesen Archipel beschränkt. Hunderte von Meeresleguanen sonnen sich auf den umliegenden Klippen; die wechselwarmen Tiere nutzen die Morgensonne, um sich nach der Nahrungssuche im kühlen Meer wieder aufzuwärmen.

Am Nachmittag schnorcheln wir vor der Küste von Isabella. Wir erkunden eine vom Meer ausgespülte Höhle und schwimmen in Gesellschaft von Meeresschildkröten. Schwebend und ohne Scheu gleiten die Schildkröten an uns vorüber.

Spätnachmittag und Sonnenuntergang werden dann zu einem Spektakel von Formen und Farben: Die Integrity kreuzt vor der halb im Meer versunkenen und in strahlendes Abendlicht getauchten Caldera des Vulkans Ecuador und hier erfahren wir bei einem Glas Champagner unsere erste Äquatortaufe.

 

Tag 6:  Santiago (Puerto Egas) und Bartolomé
Auch an diesem Morgen umgeben uns die Zeugnisse der Urgewalten im Inneren der Erde: Tuffkegel, Nebenkrater und schwarze Lavafelder formen die Küstenlandschaft der Insel Santiago. Bei  Puerto Egas nutzen Seebären eingestürzte und mit Meerwasser gefüllte Lavatunnel als Ruheplätze. Die Pelzrobben sind in der Vergangenheit fast bis zur Ausrottung gejagt worden; inzwischen haben sich die Bestände erholt, die Tiere verhalten sich aber scheu und heimlich und unterscheiden sich damit deutlich von den allseits präsenten und unüberhörbaren Seelöwen. In den blaugrünen Fluten des eingebrochenen Lavatunnels können wir Seebären aus der Nähe beobachten.  Auch Meeresleguane und sogar eine große Grüne Meersschildkröte finden sich in dieser bizarren  Klippenlandschaft. Und an den Felswänden, in großer Zahl, die auffällig leuchtenden Roten Klippenkrabben.

Am Nachmittag ein Höhepunkt jeder Galapagos Kreuzfahrt und daher viel besucht: die kleine Insel Bartolomé. Mehrere Schiffe liegen bereits vor dem goldgelben Strand am berühmten Pinnacle Rock vor Anker. Unser Schnorcheln findet daher in Gesellschaft statt – neben Touristen bevölkern aber auch Meeresschildkröten die Bucht und sogar Galapagos Pinguine gleiten im  klaren Wasser an uns vorüber. Die an Land ein wenig tolpatschig wirkenden Vögel zeigen sich hier in ihrem wahren Element.

Zum Sonnenuntergang erklimmen wir die höchste Erhebung der Insel, den etwa 100 Meter hohen Punta Egret. Die spektakuläre Aussicht auf Lava und Krater der benachbarten Insel Santiago und die roterdige Vulkanlandschaft von Bartolomé lassen mich an eine Mars-Landschaft denken.

 

Tag 7:  Genovesa (Tower)
Waren wir auf Bartolomé in touristischer Gesellschaft, so haben wir Genovesa ganz für uns allein. Die kleine Insel liegt weit im Norden des Archipels und wird nur von wenigen Schiffen angelaufen.

Die Länge der Touren, die Routenführung und der Komfort der Schiffe sind entscheidend für die Qualität einer Galapagos Naturkreuzfahrt. So lohnt ein Besuch von abgelegeneren Inseln nur bei mindestens einwöchigen Reisen und ist z.B. für Genovesa auch nur bei Touren mit schnelleren Schiffen wie der Integrity vorgesehen. Grundsätzlich sind die Reiserouten aller Expeditions-schiffe mit der Nationalparkbehörde abgestimmt und müssen strickt eingehalten werden. Interessierte Besucher können sich daher leicht ein Bild von der Qualität der Angebote machen.

Auf Genovesa jedenfalls genießen wir die Einsamkeit  - mit Zigtausenden von Galapagos Wellenläufern, die auf den Klippen der Nordküste mit dem Brutgeschäft begonnen haben.  Die Luft vibriert förmlich vom Flügelschlag der unzähligen Vögel, die mit ihren rasanten Flugmanövern fast wie ein großer Insektenschwarm erscheinen.

Der Nachmittag wird dann von der Farbe Rot dominiert. Wir besuchen Brutkolonien von Fregattvögeln und Rotfußtölpeln. Ist es bei der ersten Art der leuchtend rote und gewaltig aufgeblähte Kehlsack der Männchen, so sind bei den Rotfußtölpeln beide Geschlechter mit seltsam wirkenden roten Füßen (und einem türkis rötlich gefärbten Gesicht) ausgestattet.

 

Tag 8:  North Seymour und South Plaza
Unser letzter Expeditionstag führt uns noch einmal zu balzenden Blaufußtölpeln, rotleuchtenden Fregattvögeln und Seelöwen. Außerdem haben wir auf North Seymour eine erste Begegnung mit Drusenköpfen, den auffallend gelb gefärbten Landleguanen. Höhepunkt des Tages ist aber der Schnorchelausflug. An dem heute nicht alle Mitreisenden teilnehmen. „Shark“ halt plötzlich ein Schrei übers Deck – und alle sehen die beachtlich große Spitze einer Dreiecks-Flosse direkt neben der Integrity durch die Wasseroberfläche schneiden .... Die reduzierte Zahl der Unverzagten stößt beim Schnorcheln dann auf weitere Haie – allerdings „nur“ auf etwa 2 Meter lange, ruhig am Grund entlang gleitende Weißspitzenhaie. Dann folgt der „Tanz der Seelöwen“.

Einige Jungtiere und Weibchen haben sich neugierig genähert  und lassen sich von uns durch kreisende Körperbewegungen  zum Spielen animieren. Direkt neben uns und mit großer Ausdauer drehen die eleganten Robben ihre eleganten Pirouetten im glasklaren Wasser. 

Zur Mittagsstunde nimmt die Integrity Kurs auf  das winzige Eiland South Plaza und kreuzt unterwegs den Zug von Pilotwalen und eines einsamen Bartenwals. Die Gewässer um South Plaza grüßen einmal mehr mit türkisfarbener Wasserfarbe. An Land erblicken wir Kakteen mit auffälligen Wuchsformen - Baumopuntien dominieren die Vegetation der ansonsten nur spärlich bewachsenen Insel. Wir wandern zwischen den bizarren Kakteen und können noch einmal aus nächster Nähe zahlreiche Landleguane bei der Nahrungssuche beobachten.

 

   

Nachtrag: Am Rio Napo, Amazonas Tiefland

Schon bald zwei Stunden gleitet unser Motorkanu auf den grauen Fluten des Rio Napo. Über uns ein riesiger, strahlend blauer und mit weißen Wolkengebirgen behangener Amazonas Himmel. Der Rio Napo ist hier sicherlich doppelt so breit wie der Rhein und hat mich mit seiner Größe überrascht. Hunderte Kilometer vor der Mündung in den Amazonas und Tausende Kilometer vom Atlantischen Ozean entfernt, vermittelt der ruhig strömende Urwaldstrom einen Eindruck von Weite und Ausmaß des größten Regenwaldgebietes der Erde.

Meine Reise nähert sich dem Ende; ich bin auf dem Weg nach Quito, von wo ich den Rückflug in die Heimat antreten werde. Wenige Tage sind seit meiner Rückkehr von den Galapagos Inseln vergangen; Tage, prall gefüllt mit Eindrücken von Landschaften und Städten auf dem ecuadorianischen Festland.

Da war zunächst die quirlige Metropole Quito. Am Fuße gewaltiger Vulkanlandschaften gelegen, verzaubert mich vor allem die gut erhaltene Altstadt. Zum Weltkulturerbe erklärt, aber nicht zur touristischen Fassade erstarrt, pulsiert in den engen Gassen das Leben der lokalen Bevölkerung. Unglaublich reich verzierte Kirchen und repräsentative Prachtbauten machen eine Wanderung durch das größte koloniale Zentrum der Neuen Welt zu einem beeindruckenden Erlebnis.

 

Dann der schneebedeckte Cotopaxi. Am späten Vormittag ziehen sich die Wolken zurück und geben den Blick auf den ebenmäßigen Vulkankegel frei. Nichts stört mehr die Sicht auf den Berg der Berge – über eine weite, nur mit spärlichem Buschwerk bewachsene und von einigen Wildpferden bevölkerte Hochfläche. Gedanken an Alexander von Humboldt, der vor über 200 Jahren eben diesen Berg erkundete. Und in der selben Hacienda nächtigte, in der wir an diesem Tag zu Mittag einkehren.      

Schließlich Amazonien. Ein kurzer Flug über die Vulkankette der Anden bringt uns hinab an den Rio Napo, nach Coca - ins feuchtwarme Amazonas Tiefland. Flussabwärts und schneller als heute reise ich mit einem Boot zu einer Anlegestelle irgendwo am unendlich gleichförmig scheinenden Ufer. Auf einem Bohlenpfad durchqueren wir einen dichten Uferwald und werden dann in Einbäumen über eine stille Lagune zu unserer Lodge gerudert. Hier beziehen wir geräumige Zimmer und kommen dann langsam an - mitten im Regenwald.

Die folgenden Tage sind übervoll an Erlebnissen: Wanderungen durch das dichte Grün des Urwaldes, ein Besuch an einer Papageien - Salzlecke am Rio Napo, wo buntgefärbte Amazonen und Aras ihren Mineralbedarf stillen und, bei einer nächtlichen Kanutour, die im Licht der Taschenlampe hell leuchtenden Augen eines großen Kaimans.

 

Zwei Eindrücke haben sich besonders tief eingeprägt: Zum Einen ein Ausflug in die Kronen-region des Urwaldes bei Sonnenaufgang. Um den Stamm eines riesigen Ceiba-Baumes errichtet, ermöglichen Treppen und Plattformen einen Zugang und Aufenthalt in den verschiedenen Stockwerken des Regenwaldes. Oben angekommen stehen wir dann ganz nah vor üppigen Pflanzenpolstern, die sich auf den mächtigen Ästen des Ceiba-Baumes angesiedelt haben. Große Bromelien und sogar kleine Bäume bilden hier einen hängenden Garten - 45 Meter hoch über dem Urwaldboden. Langsam fressen sich die Strahlen der erstarkenden Morgensonne durch den milchigen Dunst der Dämmerung und tauchen die umgebende Baumkronenlandschaft in ein zauberhaftes Licht.

Und schließlich der Regen in der Nacht: Gleichförmiges Rauschen und das prasselnde Aufschlagen der schweren Tropfen im dichten Blattwerk. Ich liege auf meinem Bett und lausche in die Finsternis. Eine Stimmung wie aus einer Zeit, in der auch wir Menschen noch Geschöpfe des Waldes und Teil einer Welt waren, die allein von den Gewalten der Natur beherrscht wurde.