Arktische Riviera - eine Kreuzfahrt von Spitzbergen nach Nordost-Grönland

 

Reisebericht von Dr. Peter Hünseler

Der Biologe Dr. Peter Hünseler reiste im Auftrag von Leguan Reisen nach Spitzbergen und trat dort eine Expeditionskreuzfahrt ins Eismeer an. Sein Reiseziel war die Nordostküste Grönlands. Diese abgelegene und menschenleere Küste ist fast ganzjährig von Treibeisfeldern und Nebelbänken umlagert und nur schwer zu erreichen. Nur wenige eisverstärkte Schiffe steuern im kurzen Polarsommer diese Küste an. Reisen nach Nordost-Gönland haben auch heute noch Expeditionscharakter. Weder der Scoresby-Sund, das größte Fjordsystem der Erde, noch der ebenfalls riesige Kaiser Franz Josef Fjord sind etablierte Reiseziele für die großen Kreuzfahrtschiffe und kaum einem Europäer und Nord-Amerikaner sind diese Landschaften auch nur dem Namen nach bekannt. Für den Bremer Biologen war der Auftrag daher auch die Erfüllung eines Traumes: Nordost-Grönland, eine menschenleere Polarlandschaft mit ihrer reichen Tierwelt zu beschreiben und fotografisch zu dokumentieren. Lesen Sie hier seinen Bericht.   

  

Einstimmung auf Spitzbergen

Am Spätnachmittag des 28. August geht es für mich an Bord der MS PROF. MOLCHANOV. Das Schiff war am vorherigen Abend von einer Spitzbergen Rundreise zurückgekehrt und lag jetzt im Hafen von Longyearbyen bereit, zur Fahrt nach Ostgrönland auszulaufen. Für die Grönland-Expedition ist die MOLCHANOV hervorragend geeignet. Ursprünglich als Forschungsschiff für das Hydrometerologische Institut von Murmansk erbaut, ist das wendige und eisverstärkte Schiff nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches komplett renoviert worden und kommt seitdem im Expeditionstourismus in den Eismeeren zum Einsatz. Die PROF. MOLCHANOV bietet Platz für maximal 54 Passagiere, die zumeist in Zweibettkabinen untergebracht sind und für die zwei Speisesäle und eine gemütliche Bar bereit stehen. Nicht Luxus und Unterhaltung sondern die Exkursionen in abgelegene und selten besuchte Naturregionen sind die Attraktionen dieser Kreuzfahrt.

Für den diesjährigen Törn nach Grönland haben sich 40 Passagiere angemeldet. Eine bunte Mischung verschiedenster Nationalitäten, darunter Niederländer, Engländer, Deutsche, US-Amerikaner, Japaner und Schweden. Im Laufe des Nachmittags haben wir Quartier bezogen und verfolgen nun gespannt, wie die Leinen gelöst werden und Kapitän Anatoly Lebedinets das Schiff hinaus in den Eisfjord steuert. Von der Reling aus betrachte ich die vorbeiziehende Landschaft. Die Küste des Adventfjorden, das Kap Vestpynten und bald darauf der tiefe Taleinschnitt des Björndalen, das "Tal der Bären". Südöstlich erstreckt sich die weite Hochfläche des Plateauberjet mit dem darüber aufragenden, schneebedeckten Nordenskjöldberg.

Vor zwei Tagen erst war ich dort oben gewandert, alleine mit Rentieren, Schneehühnern und der unendlichen Weite der Landschaft. Aus Schutz vor einer um diese Jahreszeit zwar unwahrscheinlichen, aber niemals ganz auszuschließenden Begegnung mit einem Eisbären trug ich auf meinem Rücken einen alten Armeekarabiner. In meiner Unterkunft hatte man mich unmißverständlich darauf hingewiesen, daß bei einer Wanderung außerhalb des Ortsgebietes von Longyearbyen eine Bewaffnung Vorschrift sei. Den Karabiner konnte ich auch direkt in meiner Herberge ausleihen, ganz ohne Waffenschein und Formalitäten. Nur kurz wurde ich in die Handhabung der Waffe eingewiesen, dann konnte es losgehen. Das Kamerastativ blieb diesmal im Hotel, dafür trug ich nun schwer am Karabiner. Oben auf dem menschenleeren Fjell gab mir die Waffe dann aber doch ein Gefühl der Sicherheit. Nicht erst als ich an dem Mahnmal für die junge Touristin vorbeikam, die vor wenigen Jahren von einem Eisbären angefallen und getötet worden war. Ungefähr 2000 Eisbären kommen heute auf Spitzbergen und dem umliegenden Packeis vor. Das Wissen um die Anwesenheit der großen Raubtiere, vor allem aber die Weite und Leere der Landschaft ließen in mir ein Gefühl der Verletzlichkeit und Verlorenheit aufkommen. Immer wieder schaute ich mich um, musterte meine Umgebung. Nicht nur, weil die Landschaft erhaben und schön war und der Ausblick über den Eisfjord mit den einmündenden Gletschern spektakulär.

Der Abschied von Spitzbergen fällt mir nicht leicht. Gerne wäre ich länger geblieben, aber die Aussicht auf die Eiswunder Grönlands tröstet mich. Ich mustere meine Mitreisenden, die um mich herum die Gletscher des Eisfjordes betrachten. Viele von ihnen sind echte Polarenthusiasten, mit großen Reiseerfahrungen im Hohen Norden und der Antarktis. Trotz dieser Erfahrungen steht aber für uns alle nun die obligate Sicherheitsübung auf dem Programm: die Information über die Notfall-Ausrüstung des Schiffes sowie eine praktische Übung des Ausschiffens im Ernstfall. Dichtgedrängt sitzen wir einige Minuten lang in den modernen Rettungsbooten. Anschließend Abendessen. Ein erster Test der Küche, der zu unserer vollsten Zufriedenheit ausfällt.

Nach dem Dessert ist für diesen Abend noch ein Landgang vorgesehen. Die PROF. MOLCHANOV hat inzwischen den Eisfjord durchquert und vor dem Kap Alkhornet Anker geworfen. Das "Horn der Alken", der Name macht der steil aufragenden Küste alle Ehre. Laut kreischende Möwen gleiten in großer Zahl um die Felsen. Die Brut und Aufzucht der Jungvögel ist Ende August schon weitgehend abgeschlossen und die meisten der hier nistenden Krabbentaucher, Grillteiste und Dreizehenmöwen haben sich mit ihrem Nachwuchs aufs Meer verzogen. Aber immer noch lungert ein gut genährter Eisfuchs am Strand herum und hofft, daß noch einmal ein gerade flügge gewordener Jungvogel beim ersten Abflug zum Meer nicht weit genug gleitet und ihm geradewegs ins Maul fliegt.

Die Exkremente der nistenden Seevögel haben die Tundra am Fuße des Felsens gedüngt. Wir wandern über dichte Grassoden und Moospolster. Nirgends sonst auf Spitzbergen gedeiht die Vegetation so üppig wie am Fuße der Vogelfelsen. Nahrung in großer Fülle für das einzige Huftier Spitzbergens, das Rentier. Zwei Renhirsche mit gewaltigen Geweihen grasen am Fuße des Felsens und lassen sich von uns nicht stören. Aus nächster Nähe können wir die Huftiere beobachten.

Es ist spät geworden, schon nach 22 Uhr, und langsam setzt auch auf Spitzbergen die Dämmerung ein. Zeit für uns aufs Schiff zurückzukehren. An Bord füllt sich ein erstes Mal die gemütliche Bar der MOLCHANOV. Neue Bekanntschaften werden geschlossen und mit manchem "Prosit", "Skal" und "To Your Health" wird bis spät in die Nacht auf das Gelingen unserer Expedition angestoßen.

 

Ankunft in Grönland

Fast zwei Tage auf See liegen hinter uns, als sich die PROF. MOLCHANOV am Spätnachmittag des 1. September der Küste Grönlands nähert. In Küstennähe lichten sich endlich die Nebel, die das Schiff auf See fast vollständig eingehüllt hatten. Vor uns liegt die weite Tundralandschaft Grönlands - im glänzenden Sonnenlicht.

Der Expeditionsleiter, der Holländer Rinie van Meurs, hatte bereits in Spitzbergen Optimismus verbreitet. Die Wetterlage an der grönländischen Küste sei gut und das Packeis, das diese Küste so oft einschließt und damit für nicht-eisbrechende Schiffe unzugänglich macht, habe sich in diesem Jahr bis auf 81° nördlicher Breite zurückgezogen.

Nach einem schnellen Abendessen steigen wir in die wendigen Zodiacs. Unser Exkursionsziel ist die Sandinsel, ein mitten im Young Sund gelegenes Eiland. Wir hoffen hier Walrosse zu sehen, von denen die flachen Strände gerne als Ruheplatz genutzt werden. Bereits über eine Düne hinweg schallt uns das laute Gebrüll der riesigen Robben entgegen. Dichtgedrängt liegen fünf Tiere etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt. Halten Körperkontakt, drängeln sich aneinander. Es scheint, als wenn sie die körperliche Nähe gleichzeitig suchen und meiden wollen. Immer wieder recken sich die Riesen in die Höhe, drohen sie mit ihren großen Elfenbeinhauern und rempeln sich an, um gleich darauf wieder dicht aneinander zu rücken und engen Hautkontakt mit den Nachbarn zu suchen. Die Kühle kann es nicht sein, die sie zusammentreibt. Für die dick mit Speck bepackten Tiere muß es in der Abendsonne sicherlich wohlig warm sein.

 

Die Männer der Sirius Patrouille

Am Nachmittag des nächsten Tages landen wir in Daneborg, dem Hauptquartier der Sirius Patrouille. Die kleine Eliteeinheit der dänischen Armee ist seit über 50 Jahren mit der Aufsicht über die Nordostküste Grönlands betraut. Seit der Ausweisung des Grönland-Nationalparks, mit 600000 qkm Fläche der größte Nationalpark der Erde, zählt auch der Naturschutz zu den Aufgaben der zwölf hier stationierten jungen Männer. Für den zweijährigen Dienst in Grönland haben sie sich freiwillig verpflichtet. Dreiviertel ihrer Dienstzeit herrschen Frost und Schnee, denn die Winter hier oben dauern neun lange Monate. Die Zeit der Schlitten-Patrouillen. Voller Stolz zeigt uns einer der Sirius Männer sein Hundeteam, elf große, laut jaulende Schlittenhunde. Mit ihnen und begleitet von nur einem Kameraden war er im vergangenen Winter drei Monate lang unterwegs. 3000 Kilometer Strecke haben sie auf ihrer Fahrt durch die Eiswildnis zurückgelegt. Nur alle fünf, sechs Tage ein Ruhetag in einer winzigen Schutzhütte, ansonsten wurde für die Nachtruhe ein Zeltlager irgendwo in der Eiswildnis aufgeschlagen. Toll zu sehen, wie die Männer mit ihren Hunden umgehen. Auch nach der heutigen Fütterung gibt es für jeden der sich so wild gebärdenden Hunde Schmuseeinheiten, für die Hunde anscheinend fast so wichtig wie das Futter.

Der Sommer ist für die Männer und Hunde der Sirius Patrouille eine Zeit der Ruhe und Erholung, die kaum einmal von Besuchern unterbrochen wird. Lediglich ein Versorgungsschiff läuft Daneborg an. Kreuzfahrtschiffe und Touristen gelangen so gut wie nie so weit in den Norden. So ist die Neugierde durchaus beidseitig und die Männer mustern voller Interesse den seltenen Besuch. 

 

Moschusochsen im Kaiser Franz Josef Fjord

Die PROF. MOLCHANOV hat spät am Abend des 3. Septembers in der Bloomsterbugt Anker geworfen. Die "Blumenbucht" liegt an der Ymer Insel, im Inneren des Kaiser Franz Josef Fjordes. Der tief eingeschnittene Fjord mit seinen spektakulären Fels- und Eisformationen ist einer der Höhepunkte unserer Kreuzfahrt. Manche Felswände steigen hier fast senkrecht aus dem Meeresarm auf und erreichen Höhen von über 2000 Metern! Zum Glück sind die Hügel der Ymer Insel, dem heutigen Exkursionsziel, nicht ganz so hoch und steil. Schnell werden die Zodiacs zu Wasser gelassen. Die russischen Seeleute demonstrieren einmal mehr ihre Steuerkünste. Um die Motoren warmlaufen zu lassen, drehen sie einige rasante Runden zwischen den um uns treibenden Eisbergen. Dann geht es auch für uns Passagiere zwischen die bizarren Eisgebirge. Die meisten der im klaren und eiskalten Fjordwasser treibenden Eisberge sind schneeweiß und glänzen wie polierter Marmor. Andere sind gelblich getönt oder grau verfärbt und ab und an findet sich auch bläulich schimmerndes Eis. Wir können uns nicht satt sehen an den unwirklichen Formen und Farben.

Schließlich drehen wir ab. Zum Ufer, wo eine kleine Schutzhütte unsere Aufmerksamkeit geweckt hat. Vargbugta, Wolfsbucht, hatten die früher hier jagenden norwegischen Fallensteller ihre Bleibe genannt. Seit langem liegt die Hütte verlassen am Fjordufer. Wir wandern einen Hang hinauf - über eine leuchtend rot und gelb gefärbte Tundra. Dicht gedrängt stehen hier Gehölze von Zwergbirken und Polarweiden. Die Bäumchen, nur 20 bis 30 Zentimeter hoch, ducken sich hinter Felsen und in Mulden. In warmen rotbraunen und gelben Farbtönen leuchtet das Laub dieses Zwergenwaldes. Herbstfärbung hat auch das Laub der Arktischen Blaubeeren angenommen. Zwischen den strahlend roten Blättchen glänzen hier und da violett die wohlschmeckenden Beeren.

Wir hoffen, einen der seltenen weißen Polarwölfe zu Gesicht zu bekommen, die der Hütte ihren Namen verschafft haben. Auch heute noch sollen die Raubtiere diese Region durchstreifen. Leider bekommen wir die Wölfe nicht zu sehen. Aber ihre wichtigste Beute, Moschusochsen. Ein Rudel dieser zottig behaarten Huftiere weidet auf einer Grasfläche, flüchtet aber bei unserer Annäherung in donnerndem Galopp einen steilen Hang hinauf. Bei einer Verfolgung durch Wölfe würden die Moschusochsen hoch oben einen Verteidigungsring bilden. Die Kälber innen und die hornbesetzten Häupter der Alttiere nach außen gerichtet, würden sie den Raubtieren einen Angriff nicht leicht machen. Noch lange beobachten wir die urweltlichen Huftiere, wie sie über die kahlen Bergflanken zu neuen Weidegründen ziehen.

Später am Nachmittag gleitet die MOLCHANOV tiefer in den Kaiser Franz Josef Fjord. Vorbei am "Teufelsschloß", einer markanten Felsformation, die bereits 1870 von der zweiten deutschen Polarexpedition unter Kapitän Kodewey beschrieben wurde. Immer weiter führt unsere Fahrt zwischen himmelwärts aufragende Fjordwände. Von beiden Ufern schieben sich aus schwindelnder Höhe Gletscher herab, drücken ihre Eismassen durch Felsrinnen dem Fjordwasser entgegen. Eingefrorene Wasserfälle, die aber doch in Bewegung sind und schließlich ihre weißen Eismassen als Eisberge in den Fjord hinaus stoßen. Spektakulär das Ende, wenn die Front des Gletschers mit großem Getöse in die Fluten stürzt. Vorsichtig lenkt der Kapitän das Schiff zwischen den häuserblock-großen und strahlend weißen Eiskathedralen hindurch. Glänzende Eis- und Schneemassen auch hoch oben, auf den Gipfeln der Fjordfelsen. Dort oben beginnt das Inlandeis, die Eiskappe, die das ganze Innere Grönlands einnimmt. An manchen Stellen über 3000 Meter dick, begräbt das Inlandeis etwa 90% der Fläche der großen Insel unter seinem eisigen Mantel.  

 

Besuch einer Inuit Siedlung

Am Morgen des 4. September läuft die Prof. Molchanov in den Scoresbysund ein, mit über 300 Kilometern Länge das größte Fjordsystem der Erde. Zunächst breit wie ein Meeresarm und von seinem Entdecker, dem englischen Kapitän Scoresby, gar nicht als Fjord erkannt, verzweigt es sich später in viele schmale und tief eingeschnittene Seitenfjorde. Vielerorts reichen diese direkt bis an die Gletscher des Inlandeises. Eine Armada glänzender Eisberge treibt daher ständig im eiskalten Fjordwasser. Auch vor unserem Ankerplatz, direkt gegenüber der Siedlung Ittoqqortoormiit, der einzigen Ansiedlung an der Nordostküste Grönlands. Etwa 500 Einwohner hat der Ort, zumeist Inuit und einige wenige Dänen. Freundliche, leuchtend bunt gestrichene Holzhäuser liegen über den Hang verstreut. Erst 1925 ist diese Ansiedlung begründet worden. 80 Inuit, fast alle aus dem 800 Kilometer weiter südlich gelegenen Ammassalik stammend, konnte der Däne Ejnar Mikkelsen damals bewegen, sich nahe der Mündung des großen Fjordes anzusiedeln. Ganzjährig eisfreies Wasser ließ hier auf eine reiches Tierleben hoffen und damit auf ausreichende Beute für die damals noch völlig von der Jagd abhängigen Ureinwohner. Die Ansiedlung war ein Erfolg und noch heute sichern die großen Vorkommen an Robben, Moschusochsen und Wasservögeln den etwa 50 jagenden Einwohnern des Ortes ein Auskommen.

Einige Kinder mit ihren Spielkameraden, jungen Schlittenhunden, begrüßen uns bei unserem Spaziergang durch die Siedlung. Wir besuchen den Supermarkt und den kleinen Andenkenladen. Gedränge dann im Postamt. Eine Postkarte aus Grönland an die Lieben daheim - Grüße aus einer der abgelegensten Regionen der Erde. Eine auch heute noch fremde Welt. Im Dorf weisen hier und da zum Trocknen aufgehängte Felle von Moschusochsen und Eisbären auf das Haus eines Jägers hin. Im kleinen Hafen werden gerade mit großen Außenbordmotoren ausgerüstete Kunststoffboote von einem Kran an Land gehoben. Ein sichtlich erschöpfter Jäger überwacht diese Arbeiten. Große, in Plastiksäcke gefüllte Fleischstücke künden vom Erfolg seiner Jagd auf Moschusochsen.

Die Jagd war immer die zentrale Ernährungsgrundlage der Ureinwohner Grönlands. Einige Tage zuvor hatten wir bei einer Exkursion auf der Clavering Insel ein verlassenes Inuit Jagdlager entdeckt. Strandnah fanden wir einige Erdlöcher, die Überreste von Wohnstätten und Vorratskammern der Inuit, die hier bis zu Beginn des 19ten Jahrhunderts gelebt haben sollen. Auf der Clavering Insel wie an vielen anderen Orten im Nordosten Grönlands finden sich zahlreiche Spuren einer früheren menschlichen Besiedlung. Lebende Inuit wurden in Nordost-Grönland aber nur ein einziges Mal von europäischen Seeleuten angetroffen - im Jahr 1825 auf der von uns besuchten Clavering Insel. Nach dieser Begegnung sind die Inuit der Nordostküste Grönlands verschollen. Abgewandert oder ausgestorben. Nördlich des Scoresbysundes blieb die Ostküste Grönlands danach bis heute unbesiedelt.

Ein merkwürdiges Gefühl war es schon, in einer der Erdvertiefungen auf der Clavering Insel zu stehen. Schließlich war dies einmal das Heim einer Jägerfamilie, die in dieser menschenfeind-lichen Wildnis ganz auf sich gestellt dem rauhen Klima getrotzt und der Natur ein Leben abgerungen hat.  

 

Im Scoresbysund

Über Nacht ist die PROF. MOLCHANOV tief in den Scoresbysund vorgestoßen und liegt jetzt am Südkap vor Anker. Von einer Anhöhe verschaffen wir uns einen Überblick. Der bisher breite Fjord verzweigt sich an dieser Stelle. In den schmalen und in steile Granitfelsen eingeschnittenen Nordwestfjord, der noch weitere einhundert Kilometer bis an den Rand des Inlandeises reicht. Nach Süden zu liegt der Inselfjord, ihn werden wir am Nachmittag erkunden.

Tief unten, am Strand des Südkaps, liegt ein einsames Holzhaus. Die früher von Pelzjägern genutzte Hütte ist in diesen Wochen wieder einmal bewohnt: von drei abenteuerlich aussehenden Männern. Urlauber aus Norwegen und Schweden, die einen langen und einsamen Monat in der Wildnis verbringen. Gute Angelmöglichkeiten auf Arktische Saiblinge, einer wohlschmeckenden Salmonidenart, haben sie hierher gelockt. Von umherstreifenden Inuit-Jägern konnten sie Moschusochsenfleisch erwerben. Aus einer großen, roten Keule löst einer der Angler schmale Streifen aus und reicht uns das rohe Fleisch zum Verzehr. Grönländisches Carpacchio - eine ganz besondere Delikatesse.

Aufgrund seiner ausgefallenen Kopfbedeckung erinnert einer der Hüttenbewohner ein wenig an die Figur des Trappers Daniel Boone aus den Lederstrumpfbüchern James Fenimore Coopers. Er trägt eine Mütze aus Waschbärenfell. In seinem Nacken baumelt der lange buschige Schwanz des Pelztieres. Auch ein Gewehr führt er mit sich, als Schutz bei einer hier jederzeit möglichen Begegnung mit Eisbären. Erst später, an Bord der MOLCHANOV, erfahren wir von unserem Reiseleiter, daß es sich bei unserem "Daniel Boone" um einen der berühmtesten Fangmänner Spitzbergens handelt. Viele einsame Winter hat dieser Mann in der nordischen Wildnis mit der Fallenstellerei auf Eisfüchse verbracht. Im Sommerurlaub verdingt er sich jetzt als Reisebegleiter in Grönland. Der Norden und das Eis scheinen ihn einfach nicht los zu lassen.

Entlang der Björn-Öer, der Bäreninseln, gleitet unser Schiff am Nachmittag in den Inselfjord. Fast senkrechte, graue Felswände an beiden Ufern, in die bizarre Türme und Zinnen hinein modelliert sind. Die Szenerie ist unwirklich, erinnert an einen Fantasy-Film.

Die spektakuläre Landschaft und das strahlende Sonnenlicht locken alle Kreuzfahrer an Deck. Auch Masako Izumi bewundert die Fjordlandschaft. Die japanische Filmschauspielerin ist vernarrt in die Natur des Hohen Nordens. Auf über vierzig Reisen hat sie die Polarregionen erkundet, und darüber einen wunderschönen Bildband veröffentlicht. Neben der Kamera führt sie auch auf dieser Reise stets ihr Schmusetier bei sich - einen in kuschelige Wollstrickwaren gekleideten Teddy-Eisbären.

Auf dem Vorderdeck wird heiße Schokolade ausgeschenkt. Auf Wunsch gibt es zur Verdünnung einen Schuß Beerenburger, einen wohlschmeckenden holländischen Kräuterschnapps.

Am Abend gehen wir in einem Seitenfjord, dem Rypefjord, vor Anker. Unser Ankerplatz liegt direkt gegenüber der Mündung des mächtigen Eielson-Gletschers. Allerdings in sicherem Abstand. Und obwohl die Gletscherfront in über 10 Kilometer Entfernung liegt, ist die haushohe Abbruchkante bereits von hier aus ein spektakulärer Anblick.

Der Gletscher, im Fjord treibende Eisberge und die weite Tundralandschaft sind die Kulisse für unser Barbecue-Fest auf dem Achterdeck. Zu gegrillten Steaks und Würstchen werden leckere Salate vom Buffet gereicht. Die ausgeschenkten Getränke, warm und teilweise hochprozentig, und Musikklänge lassen uns bald locker von Bein zu Bein wippen. Die russische Crew hat zur Disco eingeladen. Eine interessante Musikmischung aus westlicher Popmusik und melodischen russischen Schlagern und Chansons erzeugen eine seltsam verträumte Stimmung auf dem Achterdeck. Wozu natürlich die Stille und Weite der umgebenden Landschaft ihren Teil beiträgt. Lange hallen in dieser Nacht russische Musikklänge hinüber an die einsame Fjordküste. Was die Moschusochsen wohl davon halten mögen...

Am nächsten Morgen läßt sich der wanderfreudige Teil der Passagiere ans Ufer übersetzen: eine Moschusochsenpirsch steht auf dem Programm. Stundenlang durchstreifen wir die weite Tundra, vergebens. Zurückgekehrt aufs Schiff erfahren wir von den anderen Passagieren den Grund für unseren Misserfolg. Auf ihrer Zodiakexkursion zur Abbruchkante des Eielson-Gletschers waren sie auf ein Jagdlager von Inuit gestoßen. Nicht die Musik unserer Party sondern Inuitjäger hatten also die Huftiere verscheucht. Die Jäger waren erfolgreich, zwei Tiere waren bereits zerlegt und das Fleisch in große Plastiktüten verpackt.

 

Nach Tisch verläßt die PROF. MOLCHANOV den Rypefjord und nimmt Kurs auf den Rodefjord. In der strahlenden Mittagssonne sichtet Christian Glahder, ein Biologe und unser "offizieller" dänischer Begleiter, eine Herde Narwale. Die legendären Einhörner des Meeres halten leider großen Abstand zu unserem Boot und sind nur einige Minuten lang mit Christians starkem Fernglas zwischen den Eisbergen zu beobachten. Seinen Namen, Rotfjord, trägt der Rodefjord zu Recht. Bergzüge aus rostrotem Sandstein erstrecken sich längs des südlichen Ufers. Wind, Sonne und Frost haben die Kuppen dieser Hügel in weiche, runde Formen modelliert. Ein wenig erinnern diese roten Hügel an die im heißen Inneren Australiens gelegenen Bergformationen von Ayers Rock und der Olgaberge. Auch hier im Osten Grönlands ist die Landschaft wüstenhaft trocken. Nur die Temperaturen sind alles andere als australisch - wie auch die vorbei treibenden Eisberge.

Am Spätnachmittag bewölkt sich der Himmel, macht sich bereit für eine spektakuläre Abendvorstellung. Fast wollen wir uns schon ins warme Innere des Schiffs zurückziehen, als die Wolkendecke noch einmal aufreißt und die Abendsonne Fjord und Berge in ein rötliches Licht taucht. Es herrscht völlige Windstille. Die Eisberge, erst orange und später blutrot gefärbt, liegen bewegungslos. Das Fjordwasser scheint die Eigenschaften von Öl angenommen zu haben, träge und schwer. Auch die Tundra der Berghänge im Osten erglüht in roten Farben.

Minuten nur und das unwirkliche Bild ist schon Vergangenheit. Jetzt liegen die Hügel blaugrau und kalt vor uns. Die heraufziehende Nacht treibt auch die letzten Reisenden unter Deck. In die Kabinen oder auf einen verspäteten "Sun-Downer" in die Bar.  

 

Rückreise nach Island

Am 8. September lichtet die PROF. MOLCHANOV zum letzten mal die Anker vor der grönländischen Küste. Wir treten die Heimreise Richtung Island an. Zunächst fahren wir noch mehrere Stunden durch die geschützten Gewässer des Scoresbysundes. Unsere Fahrt geht entlang des Südufers, wo die zerklüfteten Zinnen und Gletscher der Volquart Boon Küste vorüber gleiten. Ein unwirtliches Land, mit nur spärlicher Vegetation und kaum Tierleben. Wir sitzen beim Abendessen, als wir Kap Brewster passieren und das Schiff den Scoresbysund verläßt. Und sich sofort mit einem tiefen Eintauchen des Buges vor der offenen See der Dänemark-Straße verneigt. Die ruhigen Wasser des Fjordes liegen hinter uns, auf uns zu rollt die weite Dünung des offenen Atlantiks. Innerhalb von Minuten wandelt sich die Stimmung an Bord. Wo eben noch laute und lustige Gespräche geführt wurden, herrscht jetzt Ruhe und Leere. Die meisten Passagiere haben den Speisesaal verlassen, sich in ihre Kabinen zurückgezogen oder auf die Brücke. Vor uns liegt die unruhigste Nacht der Reise.

Gegen Mitternacht begebe ich mich auf die Brücke. Ein unwirkliches Bild. Nebel hüllt das Schiff vollkommen ein. Ein Scheinwerfer taucht das Vorderschiff in ein milchiges Licht. Der Bug hebt und senkt sich. Taucht tief in ein Wellental, wobei die Gischt an beiden Seiten hoch aufspritzt und das ganze Vorschiff überflutet. Aber schon hebt sich der Bug wieder, hoch hinaus und weg von den gurgelnden Wassermassen. Um gleich wieder ein zu tauchen in die grauen Fluten des nächsten Wellentals. Ich bleibe nicht lange hier oben. Ziehe mich in die geschützte Welt meiner Koje zurück, lasse Kälte und Nebel draußen zurück.

Am nächsten Morgen ist der nächtliche Spuk vorüber. Ruhig liegt die blaugraue See. Wir hoffen, Wale zu sehen. Rinie van Meurs kündigt sie für den frühen Nachmittag an. Dann wird das Schiff die Kante des Island-Schelfs erreichen. Dort steigt der Meeresboden von fast zweitausend Meter auf nur noch zweihundert Meter Tiefe an. Was zu Strömungen und einer Vermischung von kaltem, nährstoffreichen Tiefseewasser mit wärmerem Oberflächenwasser führt. Und pflanzliches und tierisches Plankton im Überfluß gedeihen läßt, gute Nahrungsbedingungen für Fische und Wale.

Rinie behält Recht. Gegen zwei Uhr am Nachmittag tauchen neben unserem Schiff urplötzlich drei Buckelwale auf. Zusammen mit einer großen Zahl von Weißflossendelfinen durchpflügen sie das Wasser. Für viele Passagiere geht der Traum in Erfüllung, die gewaltigen Meeressäuger einmal aus der Nähe beobachten zu können. Wohl zwanzig Minuten tummeln sich die Wale in unmittelbarer Umgebung des Schiffes. Dann sind sie verschwunden, genauso unvermittelt, wie sie erschienen sind. Die MOLCHANOV nimmt erneut Kurs auf Island. Der Hafen von Keflavik, und damit das Ende unserer Traumreise, ist nur noch wenige Stunden entfernt.

Ein letzter Traum bleibt für mich auf dieser Reise unerfüllt: die Begegnung mit Nanok, dem Eisbären. Mit dem Packeis haben sich die großen Raubtiere in diesem Jahr weit in den Norden zurückgezogen. Zu weit für uns, dieses mal. Aber kein schlechter Grund, möglichst bald wieder auf Expeditionsfahrt zu gehen, in den hohen Norden, an den Rand des Packeises.